Brasilien: Flexible und kurze Qualifikationen gesucht
In einem Interview für die neue iMOVE-Marktstudie Brasilien berichten Luca Jelic und Johanna Elsässer vom BIBB über ihre Erfahrung mit Brasilien.

Luca Jelic und Johanna Elsässer arbeiten in der internationalen Abteilung im BIBB. Eines ihrer Zielländer ist das BIBB-Partnerland Brasilien, für das sie Beratungsprojekten planen, implementieren und evaluieren.
Wie beurteilen Sie das brasilianische Berufsbildungssystem hinsichtlich Ihrer Erfahrungen?
Unsere Erfahrungen mit dem brasilianischen Berufsbildungssystem basieren vor allem auf unseren institutionellen sowie persönlichen Kontakten und Kooperationen mit dem SENAI sowie weiteren Berufsbildungsanbietern.
Beim Berufsbildungssystem in Brasilien zeigt sich ein differenziertes Bild, je nachdem ob man sich staatliche, halbstaatliche oder private Anbieter anschaut. So wurden bei den staatlichen Institutos Federais massive Einschnitte vorgenommen, während der "halbstaatliche" SENAI durch Arbeitgeberfinanzierung eine exzellente Berufsbildung ermöglicht. Man sieht in Brasilien außerdem ein großes Stadt/Land-Gefälle, was das Angebot an Berufsbildungskursen angeht.
Welche Bedeutung hat der SENAI bzw. das Sistema-S im brasilianischen Berufsbildungsmarkt?
Das Sistema-S geht ja auf die vierziger Jahre des letzten Jahrhunderts zurück und ist der Hauptanbieter für berufliche Bildung in Brasilien.
Durch die Pflichtumlage der Industrie Arbeitgeber von 1 Prozent der Lohnsumme an SENAI hat dieses natürlich eine besondere Stellung im brasilianischen Markt. Daher ist aus Arbeitgebersicht die Inanspruchnahme der Bildungsangebote des Sistema-S sehr naheliegend. Das heißt, man kommt an dieser Organisation nicht vorbei, denn sie leistet gute Arbeit. Ein belegter Kurs des SENAI mit Zertifizierung ist bei Arbeitgebern sehr gut angesehen.
Es gibt ja ein Memorandum of Understanding (MoU) für den Zeitraum zwischen 2023 bis 2026 zwischen dem BIBB und dem SENAI. Können Sie Ihre konkreten Erfahrungen mit dem Sistema-S kurz darstellen?
Also grundsätzlich gibt es bereits seit 1998 eine Kooperation zwischen dem SENAI und dem BIBB. Es gibt hier einige konkrete Bereiche, wie zum Beispiel die Digitalisierung/digitale Technologien in der Berufsbildung, die gemeinsam bearbeitet werden. Wir kooperieren beispielsweise bei einem Call, wo Start-ups bei der Entwicklung digitaler Simulations- und Schulungstechniken unterstützt werden.
Welche Rolle spielen digitale Technologien in der aktuellen Zusammenarbeit zwischen BIBB und SENAI?
Digitale Technologien sind ein Hauptfokus in unserer Kooperation, so hatten wir 2023 gemeinsam auch eine Veranstaltung zur Rolle digitaler Medien in der beruflichen Bildung mit konkreten Praxisbeispielen. Die digitale Berufsbildung ist ja auch enorm wichtig, weil es eben wirklich "Remote Areas" in Brasilien gibt, wo man auf digitale Modelle umschalten muss.
Vorteil am digitalen Lernen ist dabei auch, dass man Dinge oder Sachverhalte simulieren kann und erstmal in der Simulation im geschützten Raum arbeitet und eine technische Fähigkeit einübt, bevor man wirklich in der Produktion an die Maschine geht.
Simulationsbasierte Verfahren wie "Virtual Reality" ermöglichen es, dass man die ersten Schritte mit einer Technologie in einem geschützteren Rahmen macht, bevor man in die Praxis wechselt. Beispiele sind hierfür ein Gabelstapler-Simulator des SENAI oder die digitale Schweißbrille.
In welchen Bildungsbereichen besteht Ihrer Meinung nach der größte Bedarf an deutscher Expertise?
Brasilien versucht gerade sein duales System weiter auszubauen. So gibt es im Bereich Erneuerbare Energien und grüner Wasserstoff viele Projekte mit deutscher Beteiligung, also gerade auch im Bereich wirtschaftliche Zusammenarbeit in Kooperation mit der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ). Bei diesen Themen fehlt auf nationaler Ebene noch gewisse Expertise, weshalb hier der Aufbau von Ausbildungsgängen interessant ist.
Wir sehen in Brasilien auch Chancen für deutsche Bildungsangebote für den Soft-Skills-Bereich, da Themen wie Teamwork und Kommunikation zumindest in der beruflichen Bildung aus unserer Sicht noch keine sehr große Bedeutung geschenkt wird.
Wie sollten deutsche Bildungsanbieter ihre Programme an die kulturellen und wirtschaftlichen Besonderheiten in Brasilien anpassen?
Wir haben den Eindruck, dass ein schneller Eintritt in den Arbeitsmarkt für die Kursteilnehmenden sehr wichtig ist. Es hat viel damit zu tun, dass man während der Ausbildung nicht in Vollzeit bzw. nur in Teilzeit arbeiten kann. Gleichzeitig besteht bei den allermeisten Menschen in Brasilien ein ökonomischer Druck, sowohl schnell auf den Arbeitsmarkt zu kommen, als auch bei beruflicher Aus- und Weiterbildung nur kurz die Erwerbstätigkeit zu verlassen.
Daher sollten Kurse zeitlich flexibel und in kleinen Blöcken als Teilqualifikation angeboten werden. Es ist also wichtig, dass es Kurse ermöglichen, dass Teilnehmende sich schnell arbeitsmarktrelevante Qualifikation aneignen können.
Was sollte man beim Einstieg in den brasilianischen Markt Ihrer Einschätzung nach wissen?
Wichtig ist zu beachten, dass das Ansehen der dualen Ausbildung und der Berufsausbildung im Vergleich zur akademischen Bildung nicht sonderlich hoch ist, auch wenn diese durch einen neuen Gesetzgebungsprozess in Brasilien gestärkt werden soll.
Das bedeutet, dass das Werben und Überzeugen für die (duale) Ausbildung aufgrund der genannten Vorteile wie ein schneller Einstieg in den Arbeitsmarkt immer noch wichtig ist und verfolgt werden sollte.
iMOVE-Marktstudie Brasilien
Quelle: iMOVE-Marktstudie Brasilien